Kreativ-Boxen to go, Minecraft und Webshows mit Fitneschallenge Wir beleuchten die digitale Kinder- und Jugendarbeit in Jena.


Die Orientierung an der Lebenswelt junger Menschen ist seit jeher eine der grundlegenden Prinzipien unserer Arbeit. Kinder- und Jugendarbeit ist flexibel in Themen und Methoden und immer daran
, „up to date“ zu sein. Das Aufwachsen im Web 2.0 ist für uns kein neues Thema und mit Gründung des Netpäd-Teams stellt die Jugendarbeit bereits seit 2016 ihr Medienpädagogisches Know-How und Module für Schulen zur Verfügung. Aber webbasierte Jugendarbeit in Pandemie und Kontaktbeschränkung war für jeden in diesem Land eine völlig neue Herausforderung.

In der Kinder- und Jugendarbeit in Jena startete deshalb im März 2020 augenblicklich ein neuer Innovationsprozess zur Entwicklung neuer Formate. VPN-Tunnel wurden eingerichtet und ein Testlauf durch die Welt der Online-Konferenz-Tools wurde gestartet. Wie migriert man Begegnung gut zugänglich und niedrigschwellig für alle ins Netz? Welche neuen Formate sind erfolgreich? Das übergeordnete Kredo: Wir sind für euch da, gut erreichbar, erhalten eure Schutzräume und gehen mit euch auf die Reise!

In enger Frequenz tauschten sich die Pädagog*innen der Stadt von Beginn des ersten Lockdowns aus, um von Erfahrungen aller zu profitieren. Es wurde konzipiert, ausgetestet und entwickelt. Immer unter dem Ziel, jungen Menschen der Stadt Halt in einem noch nie dagewesenen Lebensabschnitt zu geben.Die Begegnung mit anderen – eines der wichtigsten Lernfelder von Kindern und Jugendlichen kam abrupt zum Stillstand. Angst um Familienangehörige, soziale Spannungen daheim, Onlinebeschulung, kein Zugang zu Netz und Technik und der Mangel an Problembewältigungsstrategien überforderten Jugendliche, führten zu Lethargie und grauen Gedanken. Anstieg von Drogenkonsum und Zunahme psychischer Belastung sind noch heute die Folgen.

 

Nicht alle jungen Menschen sind einfach so „digital natives“. 

Die vielfältigen Milieus nutzen das Netz äußerst unterschiedlich. Die einen konsumieren Web-Inhalte lediglich allein, für andere sind Online-Treffen auch mit Freeware-Tools zu hochschwellig, was wiederum bildungsnäheren oder politisch interessierten Jugendlichen eher leicht zugänglich ist, da sie formalisierte Formate gewohnt sind. Andere haben außerhalb ihrer wenigen mobilen Datenkontingente keinen Zugang zum Netz oder müssen sich zu Hause ein hart umkämpftes Gerät mit Eltern im Homeoffice und Geschwistern teilen. Manchmal fehlt einfach der ruhige Ort, an den sie sich zurückziehen können, um ungestört zu quatschen, manchmal fehlen Webcam und Mikrophon. Andere versumpfen daheim vor der Konsole und finden (endlich mal Zeit, ausgiebig zu „zocken“)

Für jede Nutzer*innengruppe müssen eigene Formate entwickelt werden und nicht alle lassen sich webbasiert erreichen.

 

Minecraft als Gruppenarbeit und Webshows mit Fitneschallenge – Was ist los, in der digitalen Kinder- und Jugendarbeit?

Besonders zu Beginn offenbarte sich Instagram als interessante Plattform, da junge Menschen diese Kanäle bereits nutzten, um sich über Aktuelles aus der Kinder- und Jugendarbeit zu informieren. Da sich über Insta auch streamen lässt, entstanden mit Beginn der Kontaktbeschränkungen eine Vielzahl von Webshows. Koch-Aktionen zum Thema gesunde Ernährung, Fitness-Challenges, Yoga-Streams und ganze Quizsendungen. Live konnten junge Menschen mit den Pädagog*innen über Chat interagieren und neue Themen einbringen.

Die Story-Funktion erwies sich als besonders Interessant, um über aktuelle politische Themen zu informieren, Aufklärungs-Arbeit zum Thema Drogenkonsum zu leisten oder einfach um über die sich ändernden Regeln und Verfügbarkeiten der Einrichtungen auf dem Laufenden zu bleiben. Als Werkzeug bleibt die Plattform vor allem interessant, da sie weite Verbreitung in der Lebenswelt junger Menschen hat und vor allem wenig comittment verlangt. Damit ist sie einer der Türöffner geworden, um den Kontakt zu bestehenden Nutzer*innen aufrecht zu halten.

In der Arbeit mit jüngeren Zielgruppen fehlt dabei jedoch der haptische Aspekt. Wie kreativ basteln, wenn die Materialien nicht daheim sind? Die Lösung: vor den Geländern der Jenaer Einrichtungen wurden kurzerhand Boxen installiert, in welchen Projektmaterialien abgelegt und bei Spaziergang von Nutzer*innen eingesammelt werden konnte. Daheim startete dann der gemeinsame Kreativ-Stream. Für die Corona-Website der Stadt Jena produzierten Pädagog*innen im April 2020 ein Info-Video, um altersgerecht über die Pandemie-Situation aufzuklären. Zum Thema Homeschooling wurden von Jenaer Schulsozialarbeiter*innen Videos zur Unterstützung bei Motivation und der Entwicklung einer funktionierenden Tagesstruktur für betroffene Eltern und Schüler*innen erstellt. Diese stießen aufgrund der Verbreitung im Netz auf überregionales Interesse.

 

Junge Menschen müssen sich begegnen und gemeinsam erleben.

Um diese Räume online zu gestalten wurden kostenfreie und datensparsame Konferenztools genutzt. In eigens angelegten Servern können sich Nutzer*innen bis heute zu gemeinsamen Gesprächsrunden zusammen finden, über Erlebnisse und Sorgen sprechen, aber auch selbst aktiv werden. So ist Vernetzung über die Statdteile hinaus möglich und Distanzen spielen keine Rolle. Vor allem in der Jugendbeteiligung und politischen Arbeit ein bis heute unverzichtbarer Zugang im Pandemiealltag, um in Diskurs zu bleiben, aktuelle Themen bearbeiten zu können und gegen die eigene, gefühlte Ohnmacht anzugehen.

An einigen Jenaer Schulen wurden von Schulsozialarbeiter*innen offene, regelmäßige Videokonferenzen eingerichtet, so gab es digitale Hofpausen, online Mädchenzeiten und ähnliches. Dies wurde von Schüler*innen dankbar angenommen, gerade, wenn Eltern auf Arbeit oder im Homeoffice waren und Geschwister nicht da oder nicht vorhanden. Zusätzlich wurden Beratungen für Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern per Videokonferenz durchgeführt. So konnten im Bereich Schulsozialarbeit gängige Angebote weitestgehend aufrechterhalten werden.

Besonders die Verknüpfung von Gaming und Voicechat erwies sich für den informellen Kontakt als zielführend. Das Spiel Minecraft beispielsweise ist als Tool in der deutschen Medienpädagogik weit verbreitet. Hier können junge Menschen ihre eigenen Welten aus Blöcken, ähnlich analogen Legosteinen erschaffen und in ihnen mit anderen Spieler*innen interagieren. Der Vorteil: junge Menschen sind so vertraut mit der Software, dass sie Pädagog*innen oft einiges voraus haben und praktische Experten ihrer eigenen digitalen Lebenswert sind. Sie erschaffen quasi ihr eigenes digitales „Baumhaus“, in das sie sich mit Freunden zurückziehen können und gemeinsam mit Pädagog*innen neue Schutzräume erschaffen. Sie wollen Abenteuer erleben und Geschichten teilen. Pen&Paper-Runden, bei denen Teilnehmende, ähnlich dem Imptrovisationstheater, fiktive Rollen einnehmen und gemeinsam Abenteuer erleben, erfahren einen neuen Hype.

Aber auch das Thema E-Sports wurde durch die stärkere Fokusierung auf den digitalen Bereich stärker im pädagogischen Kontext kultiviert. So konnten über League of Legends, einem der erfolgreichsten Echtzeitstrategie-Spiele, mit einer der größten internationalen und Ligen und entsprechend großen Turnieren, bundesweit mit anderen Jugendzentren kooperiert werden.

 

Virtuelle Räume als sinnvolle Erweiterung des Analogen

Besonders im eingeschränkten Regelbetrieb ermöglichen digitale Zugänge bis heute neue Wege der Projektgestaltung: Beim Plenum können junge Menschen unabhängig von Kontaktbeschränkungen partizipieren. Workshopleitende können überregional gewonnen werden und über das Netz Inputs und sogar ganze Projekte ermöglichen. In der Projektpräsentation zeigten sich spannende neue Beteiligungsmöglichkeiten: So konnte beispielsweise im Rahmen eines inklussiven Musikprojektes ein vollständiges Konzert auf der Jenaer Veranstalter-Plattform Zwo20 gestreamt werden und die Teilnehmenden so als ernst zu nehmender Nachwuchs neben professionellen Künstler*innen war genommen werden.

Auch die Schülervertreungen wurden von der Pandemie ins digitale Zeitalter katapultiert. Dabei  wurde von einigen Jenaer Schülervertreter*innen zusammen mit Schulsozialarbeitenden die „PLACEm-App“ des Isernhagener Vereins Politik zum Anfassen e.V. verwendet. Diese vielversprechende App wurde für Beteiligungsprozesse beispielsweise in Schule, Stadteil und Kommune entwickelt. Höchstwahrscheinlich wird diese App auch über Corona hinaus helfen, Partizipation erfolgreich zu gestalten. Laut eines Jenaer Schulsozialarbeiters ermögliche die App ziemlich gut und datensicher, alle an der Schülervertretenden zu informieren, sich mit ihnen auszutauschen und abzustimmen.

 

Alles im Netz, alles gut? Grenzen der webbasierten Arbeit.

Jeder der im Homeoffice mehrere Online-Konferenzen am Tag bestreiten musste, merkte im Laufe des Jahres schnell die psychische Ermüdung. Das Phänomen, welches als „Zoom-Fatigue“ bezeichnet wird, weist auf ein häufig benutztes Online-Konferenztool hin. Diese Erschöpfung findet sich nicht nur in der Vernetzungsarbeit der Fachkräfte sondern auch bei Jugendlichen zunehmend wieder. (Ein Artikel dazu hier: https://wissensdialoge.de/zoom-fatigue-drei-erklaerungsansaetze-warum-videokonferenzen-so-anstrengend-sind/ )

 

Vor allem die Gesprächskultur musste neu entwickelt werden. In Web-Räumen fehlt die interpersonelle Distanz, nonverbale Signale der Gesprächsteilnehmer können nicht adäquat wahrgenommen und entsprechend decodiert werden. Ohne ausgefeilte Moderation ist ein Gruppengespräch nicht störungsfrei zu realisieren. Was im Analogen selbstverständlich erscheint, muss im Netz sauber koordiniert werden. Junge Menschen aber benötigen authentische Kontakte, an denen sie Verhalten Erproben und ihre Identität bilden können. Jeder Besuch digitaler Angebote wird vom ehemals ungezwunghenen Kontakt mit gleichaltrigen zum geplanten Termin. Mit Freunden treffen im virtuellen Raum eine formalisierte Konferenz.  Das über große Teile der Pandemie der eingeschränkte Regelbetrieb der Offenen Einrichtungen ermöglicht wurde, in dem sich feste Kleingruppen begegnen können und als wesentliche Bildungsarbeit verstanden, nicht als bloße Freizeitbeschäftigung abgetan wurde, wird von Fachkräften als Schritt in die richtige Richtung gesehen. Denn sozial schwächere und bildungsfernere Milieus werden durch die meisten Online-Angebote nicht bedarfsgerecht erreicht. 
 

 

Ungleichheit verhärtet sich.

Besonders die schwankenden technischen Voraussetzungen stellen eine neue Hürde dar. Das Netz bricht weg, Endgeräte fehlen, die Medienkompetenzen reichen nicht zur vielfältigen technischen Problemlösung daheim. Der Bedarf nach authentischen Begegnungen und Erlebnissen wiegt bei jungen Menschen schwerer als je zuvor. Besonders in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit konkurrieren Pädagogen auf einmal so stark wie lang nicht mehr mit der professionellen Unterhaltungsindustrie: Jugendpartizipation gegen Netflix und Co. Was für den Computer-Langzeitnutzer eine willkommene Abwechslung ist, ist für den erlebnisorientierten Jugendlichen eine deprimierende Aussicht. Besonders in der Einzelarbeit mit jungen Menschen aus sozial schwächeren Familien drohte aufgrund der Barrieren der digitalen Kommunikation schnell die Gefahr des Kontaktabbruchs. Lebensweltorientierung hieß hier: gemeinsam spazieren gehen und im Rahmen der Kontaktbeschränkungen im hier und jetzt begegenen. 
Wechselmodell, Fernunterricht, mangelhafte digitale Infrastruktur lassen den Schulalltag für viele Kinder und Jugendliche vor allem zu einem werden: reinste Frustration. Hut ab vor denen, die da mitmachen und motiviert bleiben. Bei den vielen erlebten Lücken, Neuerungen, Änderungen, Öffnungen und Schließungen, ist es wohl  kaum verwunderlich, dass einige Schüler*innen durchs Raster fallen. VIelen denen es schon zu Zeiten von Präsenzbeschulung schwer fiel, mitzukommen, fällt es nun um so leichter, einfach nicht mehr mitzumachen. Man kann natürlich fragen: „Wieso auch?“ …

Was bleibt von der Kinder- und Jugendarbeit 2.0?

Nach einem Jahr der Erprobung digitaler Formate kann man festhalten: sie sind als eine Erweiterung unseres Handlungsfeldes zu betrachten und können nur für besonders affine Nutzergruppen über kontaktbeschränkte Zeiten hinweghelfen. Besonders in der Vernetzung der Träger und Einrichtungen sind Webkonferenzen ein neuer Zugewinn, auch für die überregionale Arbeit.
Im Mittelpunkt der Bedarfe unserer Zielgruppen stehen jedoch nach wie vor der persönliche und leicht zugängliche Kontakt. Sich mit Freunden zu treffen, neue Impulse in den Einrichtungen zu erhalten und sie selbst zu gestalten Abenteur zu erleben und Sorgen im Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu bearbeiten sind es, die unsere Arbeit für junge Menschen attraktiv macht. Für all das braucht es offene Häuser, Schulsozialarbeit und aufsuchende Arbeit im Analogen. Es sind die echten Kontakte, die spontanen Erlebnisse im Gewusel und authentische Pädagog*innen vor Ort, die die ausschließlich webbasierte Arbeit als Zugang eben nicht bereit hält. Durch die Einordnung der Offenen Arbeit als Bildungsarbeit und nicht nur als bloße Freizeitgestaltung konnten die Träger auch unter Kontaktbeschränkungen weiterhin eingeschränkt offen gehalten werden und so den vielen jungen Menschen Halt geben, die digitale Formate nicht erreichen. 

Das Jenaer Pädagog*innen-Team des NetPäd wird in diesem Jahr ein Strategiepapier zur Weiterentwicklung der Medienpädagogik der Jugendarbeit veröffentlichen, welches wir im nächsten Newsletter näher betrachten werden.